Nachbericht zur 40. Musikwoche Löwenstein 2026

„Löwenstein, Du bist wundervoll“

„Löwenstein, Du bist wundervoll – Löwenstein, machst die 40 voll.“ Zur 40. Musikwoche der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE) vom 6. bis 12. April gab es nicht nur  eine Rekordbeteiligung mit fast 150 Teilnehmenden. Eine Woche lang und noch danach hatte man zudem einen Kanon im Ohr, den Chorleiterin Andrea Kulin eigens zum Jubiläum komponiert hatte.

 

Dabei hätte vor einem Jahr kaum jemand ohne Bedenken auf diesen abermaligen Erfolg der traditionsreichen Institution wetten mögen, die seit 1986 musikalische Menschen aller Generationen zusammenführt und eine einzigartige Plattform für die Aufführung von Musik deutscher Komponisten aus dem Südosten Europas ist. Denn die Evangelische Tagungsstätte Löwenstein bei Weinsberg als Tagungsort war gezwungen, ihrerseits in einer angespannten finanziellen Lage, den Tarif für Unterbringung und Verpflegung der Teilnehmenden der Musikwoche markant anzuheben.

 

Die damit verbundenen erheblichen Mehrkosten konnten nur durch ein neues Finanzkonzept für die Musikwoche bewältigt werden, zu dem die erfolgreiche Werbung um private Spenden ebenso gehört wie die noch intensivere Akquise von Fördermitteln und letztlich auch die Erhöhung der Teilnehmendenbeiträge in neuer Staffelung. Die Kosten für Kinder und Jugendliche blieben weitgehend unangetastet, Familien erhalten Vergünstigungen. Die Bemühungen einer eigenen Arbeitsgruppe zur Finanzierung der Musikwoche unter Leitung von Organisatorin Bettina Meltzer waren überaus fruchtbar und haben eine gute Grundlage für deren weiteren Bestand gelegt. Das Vereins- und Anmeldemanagement wurde u. a. von Jakob Braun auf neue Füße gestellt. Freilich müssen schon für die nächste Auflage wieder erhebliche Anstrengungen unternommen werden. Die Musikwoche ist keineswegs außer Gefahr. Begeisterung und Treue der Teilnehmenden, der Dozentinnen und Dozenten sind jedenfalls ungebrochen.

 

Dass dies so ist, hat viele Gründe und lässt sich vielleicht zusammenfassen in der singulären Verbindung von Musik und Gemeinschaft mit einer riesigen Vielfalt von Angeboten für Menschen allen Alters, einem festlichen, großen Abschlusskonzert, zahlreichen internen Auftrittsmöglichkeiten und nicht zuletzt dem besonderen Bezug zur Musikkultur der Deutschen in Südosteuropa, die auch diesmal omnipräsent war.

 

Das Abschlusskonzert der Musikwoche am 11. April in der Heilbronner Kilianskirche war mit rund 300 Zuschauerinnen und Zuschauern wieder ausnehmend gut besucht und vereinte im Wesentlichen Werke von Komponisten aus Siebenbürgen und dem Banat. Die musikalische Gesamtleitung hatte zum vierten Mal der Dirigent Dr. Andreas Schein aus Temeswar, der in aufopferungsvoller Vorarbeit nicht nur eine opulente Festmesse von Vincens Maschek (um 1800 – 1875) für die Aufführungspraxis eingerichtet, sondern auch die Ouvertüre zur Oper „Die Alpenhütte“ von Franz Limmer (1808 – 1857) aus einer Fassung für Klavier zu vier Händen heraus instrumentiert hatte. Beide sind in der Edition Musik Südost von Dr. Franz Metz erschienen, dem Vorsitzenden der GDMSE.

 

Limmer darf als wichtigster Temeswarer Domkapellmeister in der Mitte des 19. Jahrhunderts gelten, Maschek war seinerseits in verschiedenen musikalischen Funktionen in zahlreichen Orten u. a. des Banats tätig. Beide waren schon öfter in Konzerten der Musikwoche Löwenstein präsent. Limmers Ouvertüre hatte Andreas Schein im schmissigen Opernstile Donizettis geschickt und kenntnisreich orchestriert, Mascheks prachtvolle Messe (gewidmet 1864 dem König Johann von Sachsen) bearbeitet und ergänzt. Zum Tragen kam hier auch die Opernerfahrung Scheins, der u. a. Generalmusikdirektor des Theaters in Galatz ist. Deutlich wurde einmal mehr, wie deutsche, Wiener und italienische Tradition in der Vielvölkerregion des Banats zusammenfanden.

Für Chor und Orchester der Musikwoche waren damit reizvolle und anspruchsvolle Aufgaben verbunden, denn Limmer und Maschek fordern Virtuosität ebenso wie Präzision und Klangkraft, die nach nur einer Woche Probenzeit mustergültig unter Beweis gestellt wurden. Andreas Schein führte mit genauem und mitreißendem Dirigat die Ensembles, die um ein großartiges Solistenquartett (gänzlich „aus den eigenen Reihen“) mit Agnes und Johannes Dasch, Hans Straub und Bettina Ullrich ergänzt wurden.

 

Zwei wunderbare Solistinnen traten mit Bettina Meltzer und Mara Perlea in einem der bekanntesten vokalsinfonischen Werke aus Siebenbürgen hinzu, der Vertonung des 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“ von Rudolf Lassel. Das eigentlich für Chor, Soli und Orgel komponierte Werk erklang hier in der 2018 wiederentdeckten Orchestrierung von Paul Richter, die die sechsminütige Komposition in neues Licht taucht. Man kann sie nicht oft genug hören. Die Leitung hatte Andrea Kulin, Kirchenmusikerin in Bissingen und Leiterin der Siebenbürgischen Kantorei. In frischem Glanz strahlte der bestens einstudierte Jugendchor der Musikwoche unter Leitung von Markus Piringer, Kantor im württembergischen Mühlacker, auch er mit siebenbürgischen Wurzeln.

 

Besonders berührend: Die gemeinsame Version des unsterblichen „Ave Verum Corpus“ zum 270. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart – und mitreißend die 3. Rumänische Fantasie für Orchester vom großen siebenbürgischen Meister Paul Richter.

 

Erarbeitet wurde dieses Mammutprogramm unter Leitung von enthusiastischen Dozentinnen und Dozenten. Sie betreuten indes noch viele andere Projekte und Vorhaben, die an mehreren Abenden intern vorgeführt oder auch einfach nur aus Freude an der Musik gespielt und gesungen wurden. Alle sollen genannt sein: Ilarie Dinu (hohe Streicher), Jörg Meschendörfer (tiefe Streicher, Salon-Orchester, Streicherprojekt), Michèle Becker (Holzbläser), Matthias Nassauer (Blechbläser), Brigitte Schnabel (Kammermusik), Agnes und Johannes Dasch (Gesang), Andrea Kulin (Chor), Markus Piringer (Jugendchor), Liane Christian und Christian Turck (Korrepetition) und Sebastian Hausl (Schlagzeug). Eine zentrale Grundlage der Musikwoche ist seit langem die musikalische Früherziehung mit Kinderbetreuung, die diesmal von fast 30 Kindern wahrgenommen wurde. Die Leitung hatten Ingrid Hausl (erstmals im Team der Musikwoche) und Gerlinde Knopp, die mit den Kindern ein eigenes Musicalprojekt erarbeiteten und aufführten. Gesamtleiterin und unermüdlicher Motor der ganzen Woche war einmal mehr Bettina Meltzer.

 

Im Rahmen der Musikwoche fand auch die gut besuchte Mitgliederversammlung der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa statt. Der Wolfgang-Meschendörfer-Förderpreis wurde an die jungen Geigerinnen und Musikpädagoginnen Milena Rost und Maria Braun verliehen.

 

Gefördert wurde die Musikwoche vom Innenministerium Baden-Württemberg, vom Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen (über das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Familie und Soziales), vom Kulturreferat für Siebenbürgen (über das Bundesministerium des Inneren), der Heimatgemeinschaft der Kronstädter in Deutschland, der Heimatgemeinschaft der Deutschen aus Hermannstadt und der Dieter Schwarz Stiftung. Hinzu kommen zahlreiche Einzelspenderinnen und -spender.

 

Das 40. Jubiläum der Musikwoche spielte selbstredend eine wichtige Rolle: Vorbereitet u. a. von Angelika und Bettina Meltzer konnten die Teilnehmenden anhand von Fotos, Präsentationen und Dokumenten in Erinnerungen an frühere Jahre schwelgen. Das Schöne dabei: Die gute Zeit der Musikwoche ist nicht nur Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart – und hoffentlich auch Zukunft.

 

Johannes Killyen